Ayurveda – ganz sanft wurden mir die Skepsisborsten wegmassiert

Aufgrund meiner Wahl, Yoga in den Mittelpunkt unseres siebentägigen Aufenthaltes zu stellen, war mein Behandlungsplan nach der Konsultation mit dem Doktor sehr einfach und aus den Massnahmen zur Vorbereitung einer Panchakarma-Kur (dazu später mehr) entnommen. Zu den vier Stunden Yoga kamen täglich anderthalb Stunden unterschiedlicher Massageanwendungen.

Der erste Tag war kritisch, da ich noch keine Ahnung hatte, worauf ich mich da wirklich eingelassen habe. Auf meinem Behandlungsbon standen 45min. Fußreflexzonenmassage, 30min. Ganzkörpermassage und 15min. Kräuterbad. Aufgrund meiner ostdeutschen Herkunft ist mir das nackt-sein nix Unbekanntes, doch so ganz ohne den Ostseestrand ein sehr ungewohntes Umfeld. Etwas angespannt entledige ich mir, in unserem Zimmer, meiner Klamotten und prölte mir meine Badehose an, denn ich hatte schon erfahren, dass die Sache ölig werden würde. Ich habe im letzten Sommer blöderweise etwas Ruderfett an die Bikinihose geschmiert bekommen, von daher dachte ich, dass etwas mehr Öl nun auch nicht schaden könne. Rein in den hauseigenen Bademantel, Behandlungsbon geschnappt und los gings. Erstmal rüber über das weitläufige Gelände und rein in den Ayurvedatempel. Dort traf ich dann auf meine Therapeutin namens Neranjala die mich lächelnd begrüßte. Sie legte ihren Arm um mich und ich dachte nur … what warum, ich kann alleine laufen, du bist sehr nah und wir kennen uns doch noch garnicht… und führte mich in einen der Behandlungsräume. 

Ich hatte mich bis dahin noch nie professionell massieren lassen und bin auch sonst kein so großer Fan dieser Lebensphilosophie. Von daher war ich schon gespannt was das wohl sei, so eine Fußreflexzonenmassage und was diese mit mir machen würde. Zurückgelehnt in einem bequemen Sessel, darauf achtend, dass mein Körper auch in der Position gut bedeckt ist, eröffnete sie die Massage durch ziehen und zu drücken meiner Füße bevor sie zum warmen Öl griff. Später nutzte sie einen Stab und erhöhte damit den Druck auf einzelne Fußbereiche. Langsam sank ich tiefer in den Sessel und begann mich wirklich zu entspannen, als nur so zu tun als ob. Dennoch gingen mir viele Gedanken durch den Kopf. … Mach ich das richtig so? Ist das wirklich so toll, dass ich mir diese Anwendung auch woanders erkaufen würde? Wann passiert das Wunder? Wer sitzt jetzt neben mir? Kann ich auch die Augen aufmachen oder währe das unhöflich? Merken die, wenn ich mich nicht entspanne? Hätte ich mir die Beine rasieren sollen? Die Frau vor mir muss echt Kraft in ihren Armen und Händen haben. Was Nadine wohl denkt? …..

Wer ist Nadine?

Am Dienstag hatten wir an unserem Tisch im Restaurant ein weiteres Gedeck und damit war klar uns wurde jemand dazugesetzt. „A new friend, same age“ sagte wohl der Oberkellner zu Madeleine und verschwand mit seinem Wasserkrug. Und dann kam eine junge Frau, die sich als Nadine vorstellte und der Oberkellner sollte recht behalten. Es war von Anfang an sehr schön mit ihr die Essenszeiten zu verbringen, all die typischen Kennenlernenfragen durch zu deklinieren und sich über die Erfahrungen am Tag auszutauschen. Geduldig ertrug sie alle meine Fragen „Welches Kraut (Einzahl für Kräuter) würde sie am besten beschreiben?“ und meine ausufernde Fantasie. Nadine war anfänglich kein Gast, sondern wollte eher ein Praktikum machen, mehr zugucken und für eine eigene Ausbildung dazulernen. Somit wurde sie als Zuschauer*in Teil meiner Behandlungspraxis, denn sie war meiner Therapeutin zugeteilt und so kam es dass sie mich auf fast allen Wegen der Massage begleitete und zusehen konnte. 

…. Nach den Füßen war der Körper dran. Das bedeutet Bademantel aus und bauchlinks auf die Liege hüpfen. Ich versuchte cool zu bleiben und legte mich noch etwas beholfen hin. Meine Therapeutin war sehr geduldig und dirigierte meine Extremitäten in die richtige Position. Dann versenkte sie meine Badehose zwischen meinen Pobacken und begann mit dem ersten Bein. Ahha so ist das also. Ich war alles andere als relaxed und nur dabei herauszufinden, was sie da mit und an mir machte. Und dann waren da noch die Geräusche der anderen Gäste, der Motor des Ventilators, Nadine die zusah und die leisen Klänge sphärischer Musik. Ok, die Rückenseite mit beiden Beinen und Armen war fertig. Schon sehr angenehm, das muss ich sagen, vor allem der obere Rücken. Umdrehen war die Ansage und wieder gings an Beine und Arme. Dann kam der Oberkörper. Wie festgefroren lag ich da und versuchte analytisch zu begreifen was hier passiert. So nah kommen mir Menschen sonst nie, doch Neranjala, mit ihren acht Jahren Arbeitserfahrung ließ ihre Hände über meinen gesamten Oberkörper sausen, als wäre es das alltäglichste der Welt. Nach einer Weile beruhigte ich mich und war nur noch fasziniert davon, dass es da einen Menschen gab, der sich 30min. lang nur mit mir beschäftigte, um mir etwas Gutes zu tun und meinen Körper mit Sesamöl zu versiegeln. Neue Fragen kamen in mir auf. Ist das ein guter Job? Wieviel bekommt meine Therapeutin für diese Arbeit? Ob sie sich manchmal über die unterschiedlichen Körper wundert? Gibt es in ihrem Job auch Ekel?

Keine meine Fragen fanden wirklich eine Antwort, denn irgendwann erlag ich der Zeit, der Ruhe oder der Musik, den rhythmischen Abläufen und einer tollen Frau, die es innerhalb von drei Anwendungen schaffte, etwas für mich so komisches so normal und angenehm zu gestallten. Das Kräuterbad war dann auch keine Hürde mehr. In einen Badewanne gefüllt mit rotem Wasser (bestehend aus Kräutersud) plätscherte ich dann 15min. und beguckte meinen öligen Körper, dann die Decke und fragte mich, wann ich denn das letzte Mal in einer Badewanne gelegen habe. 

Madeleine holte mich an dem Tag aus dem Ayurvedatempel ab und war ganz neugierig, wie es mir denn ergangen sei. Aber für Austausch war wenig Zeit, da ich fix duschen musste um pünktlich um 16 Uhr beim Yoga auf der Matte zu sitzen. Ich gebe zu, das war in dieser Woche das einzig stressige an der Sache. Bis auf an einem Tag musste ich nach jeder Behandlung flitzen und konnte nicht wie die Anderen nach den Behandlungen Tee trinken oder den Blättern bei Fallen zuschauen.  

Etwas angefixt von dem, was da für Wunderwerke im Ayurvedatempel stattfinden, war ich neugierig was wohl der nächste Tag für mich bereit halten würde. Jeden Abend nach dem Abendessen (natürlich alles schön im Ayurvedastyle) bekamen wir unseren Behandlungsplan für den nächsten Tag. Sah aus wie ein Kassenbon, war an dieser Stelle aber mal sehr interessant. Es stand wieder eine Bodymassage auf dem Programm, diesmal ganze 45min., eine Kopfmassage und dazu noch eine Inhalation. Nagut… Inhalieren kannte ich nun schon von zu Hause, aber ich war neugierig. Alles begann wieder mit meinem Bademattelwalk über das Hotelgelände, vorbei an dem Leguan, der neben dem Weg sein zu Hause hatte und ein paar Affen, die durch die Bäume jagten. Ich wurde wie den Tag zuvor von Neranjala herzlichst begrüßt und zu „meiner Liege“ gebracht. Die gleiche Therapeutin, die gleiche Behandlungliege, das gab mir Orientierung und Sicherheit. So, so langsam gewöhnte ich mich an die Geräusche, Abläufe und fühlte mich in der Gegenwart von Neranjala (und Nadine) sehr wohl. 

Der dritte Tag hielt großes für mich bereit. Das Glückslos (denn mal ehrlich, bei mir gings wirklich nicht um einen Behandlungsplan) loste mir eine Gesichtsmassage, eine vierhändige Massage, eine Kräuterpackung und zum Schluß wieder ein Bad zu. Vor allem von der vierhändigen Massage hatte ich schon gehört. Hier geht es vor allen, wie beim Wasserballett, um Synchronität. Also war ich gespannt und vergaß bei aller Überprüfung mal wieder das Entspannen. Aber egal, danach wurde es noch schräger: In Bauchlage verklebte mir Nerajala dann den Köper mich einer grünen Kräutertinktur. Anfangs dachte ich nur, dass ihre Hände heute rauher seien, aber schon beim Umdrehen konnte ich erkennen was hier aus mir wurde. Ein Hulk, bzw. eher ein Kräuterkrustenbraten, denn nach dem Einmassieren wurde ich in Tücher eingeschlagen und zum Ruhen abgelegt. Nach ein paar Minuten kam Neranjala wieder und meinte zu mir, „Und nun drei Tage nicht waschen“. Ich war kurz verdutzt, denn es gibt hier Behandlungen, die das Waschen nach Behandlung untersagen, doch ihr verschmitzter Blick entlarvte sie. Vor dem Bad musste ich noch fix im Freien Duschen, wahrscheinlich vertragen sich die verscheiden Kräuter nicht so in der Badewanne und entspannte dann noch 15min. im heißen Wasser. 

Tag vier. An diesem Tag bekam ich das, was wohl am besten zu mir passte, eine Gesichtsmaske. 🙂 Doch bevor es dazu kam geschah etwas, womit ich nun wirklich nicht gerechnet hatte. Ich schlief wirklich bei der Bodyassage ein. Es kann sein, dass vor allem nach den ziemlich anstrengenden Yogastunden der letzten Tage mein Körper sich nach mehr Ruhe sehnte, vielleicht war ich aber auch endlich an dem Punkt angekommen, der Entspannung heißt. Sie schnipste mich an meinem großen Zeh wach und trug mir dann die Gesichtsmaske auf. Am Anfang war ich garnicht überzeugt davon. Es roch komisch und das Gefühl von Lehm im Gesicht schien mir weniger genussvoll. Nagut wer schön sein will ….. Nach einiger Zeit des Wirkens und Aushärtens durfte ich mir das Kunstwerk dann auch mal anschauen. Fehlten nur die Gurken auf den Augen. Was allerdings absolut überzeugete war das Resultat. Meine Haut fühlte sich grandios an, kühl und weich. Und wenn am Ende auch noch alle Falten da waren, sauber gemacht hat es die Poren alle mal. Ja ja, da muss ich erst nach Sri Lanka fahren, um mich mal intensiv mit meiner Haut auseinander zu setzen. Ich habe schon das Gefühl, dass sie das ganze Ölen und Massieren ziemlich mochte, von daher muss ich nun doch mal überlegen, ob ich meiner Haut nicht ab und zu mal was Gutes gönne. 

Der letzte Behandlungstag, begann wieder mit einer Fußreflexzonenmassage und ich konnte Vergleiche ziehen von der ersten Behandlung zu diesem Tag. Ich saß wieder in einem der bequemen Sessel, zwischen zwei anderen Personen und wenn die Nähe zu Anderen anfangs ein Thema war, war mir in diesem Moment alles egal. Ich vertraute Neranjala meine Füße an, ein bissel kitzelt es ja schon, aber abgesehen davon konnte ich trotz der vielen Nebengeräusche und der Öffentlichkeit in dem großen Behandlungsraum schon wider einschlafen. Novum an diesem Tag waren heiße Kräuterkissen, die zur Behandlung von Schmerzregionen angewandt werden. Da ich wenig schmerzhaftes anbieten konnte nutzte ich die Chance und ließ mir meinen vom Yoga hart gedehnten Rücken etwas gutes Zukommen. 

Ja und dann hieß es Abschied nehmen von all dem und vor allem von Neranjanla die mir trotz der unausgeglichenen Ebene des Kennenlernens (sie hat mich nackt gesehen) sehr ans Herz gewachsen ist. Ich denke auch, dass ich dank ihrer Art mich so auf das Massageangebot einlassen konnte. Dank ihres Witzes und ihrer fehlenden Berührungsängste waren die fünf Tage des Ayurveda-Schnuppern, für mich ein Highlight von Sri Lanka. 

Aber was ist Ayurveda nun für mich?

Für die meisten Gäste besteht Ayurveda aus einer dreiwöchigen Kur mit dem Namen Panchakarma. Darin enthalten sind Arztkonsultationen, mehrere Behandlungen pro Tag, Ernährungs- und Verhaltensvorgaben und viel Ruhe. Ziel der ayurvedischen Medizin ist die Balance der drei DOSHA Vatha (Air + Space) Pitta (Fire +Water) und Kapha (Water + Earth), die alle Menschen in sich tragen.

Alles beginnt mit einem Gespräch mit einer Ärztin/Arzt, in dem neben Pulsmessung, Blutdruckmessung, Gewichtskontrolle, etc. auch Fragen als Grundlage der Anamnese genutzt werden. Es geht um einen ganzheitlichen Blick auf den Körper, um Beschwerden jeglicher Art, Stress und Lebenskonstitutionen. Anhand der Ergebnisse wird dann ein Behandlungsplan mit Medikamentierung zusammengestellt. Auch während und zum Schluß gibt es immer wieder Konsultationen mit den Ärzt*innen zur Überprüfung des Befindens.

Bei aller Euphorie über Massagen und Gesichtsmasken, es gab auch mal kritische Stimmen, die vor allem auch durch den Einblick von Nadine spannende Fragen aufmachten.

In wie weit ist diese alte indische Medizin auf die modernen Problemfelder deutscher/europäischer Menschen ausgerichtet? Wo liegen die Erwartungen der Menschen, wenn sie sich für eine Kur entscheiden? Wie können Sprachbarrieren und „kulturelle“ Unterschiede niedrig gehalten werden für mehr Zufriedenheit?

Am Ende geht es mal wieder um das Ausprobieren und Vertrauen, da gibt es kaum allgemeine Antworten als individuelle Sichtweisen und damit ist die ayurvedische Medizin nicht anderes als die Schulmedizin in Europa. 

Und dann ist die Ayurveda Kurklinik auch nur eine Unternehmen, das Gewinne machen will und somit ihre Kosten niedrig halten muss, auch auf Kosten von Angestellten und Gästen.

Ayurveda ist keine Wellnessurlaub

Wer bei Ayurveda, so wie ich, nur an Massagen und etwas Yoga gedacht hat, liegt hier falsch. Beim Ayurveda geht es um die Reinigung auf verschiedenen Ebenen. So kommen zu den angenehmen Massagen in ihren Variationen auch Formen der Darmreinigung, Erbrechen, Öl durch Nase ziehen, Einläufe und die Anwendung von Blutegeln zum Einsatz. Und dass kann schon schlauchen, bzw. auch erstmal den gewohnten Gesundheitszustand negativ verändern, bevor es besser wird. Auch mit der vorgeschriebenen Ruhe oder einer vorwiegend veganen, Zucker- und Koffeinfreien Ernährung können innere Konflikte auftauchen. 

Mit dem Wissen um die Ausrichtung meines Aufenthaltes konnte ich in vielem das Interessante entdecken. Diese Woche war eine riesen Erfahrung und Bereichung für mich. Ich weiß nun, was unter Ayurveda verstanden wird und dass ich gerade noch keine vollständige Ayurveda- Kur brauche, dass ich mich mit Genuss massieren lassen kann, auch in Deutschland hin und wieder ne Gesichtsmaske anwenden werde und wie Koriander-Knoblauchtee schmeckt. 

An jeden Tag gab es einen anderen „Herbaltea“ zum Mittag und Abendessen. Challenge war es täglich herauszuschmecken, welche Geschmacksnote der Tee hatte. Bei Madeleiene war es irgendwie immer “Busch”, bei mir eher “Heu” und so generierten wir unsere eigene Sorte, den Heubuschtee. 

Nächster Teil: Sieben Tage Yoga – mehr Philosophie als Asanas

Comments

ullimanulli
Februar 28, 2020 at 9:08 pm

🙂 interessant! Die ostdeutsche Nacktheit ist ohne Ostsee mit unter recht schüchtern. 😀 Und wo steckt ihr nun?

Liebe Grüße



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